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Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 12. Februar 1632 – Vorladung bei Oberst Bergström

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 Heute wurde ich zum schwedischen Befehlshaber, Oberst Bergström, vorgeladen, der seit der Übergabe die Stadt mit harter Hand regiert. Ein Soldat holte mich von meinem Haus am Rosenberg ab. Ich folgte ihm durch die kalten Straßen, in denen die Präsenz der fremden Truppen überall spürbar war. Musketiere standen an den Toren, Reiter patrouillierten, und in den Herbergen ertönte das Stimmengewirr fremder Zungen. Im Rathaus, das nun mehr einem Garnison gleicht, erwartete mich der Oberst. Er war ein Mann von kräftiger Gestalt, seine Augen scharf, seine Stimme barsch. Ohne Umschweife sagte er: „Kruse, Ihr werdet Eure Arbeit wie bisher fortsetzen. Die Stadt mag besetzt sein, doch Ordnung und Rechtsprechung müssen bestehen bleiben. Nur: Ihr handelt nun im Auftrag der schwedischen Krone.“ Ich neigte das Haupt und erwiderte, dass ich mein Amt nicht ruhen lasse, solange Gott mir die Kraft verleiht. Er nickte zufrieden und erklärte, dass meine Belohnung fortan aus der Militärkasse gezahlt w...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 28. Januar 1632 – Die schwedische Besatzung

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 Heute wird als ein schwarzer Tag in die Annalen von Goslar eingehen. Am Morgen erfuhr ich, dass Bürgermeister Cramer von Clausbruch im Namen des Rates die Stadt ohne jeden Widerstand dem schwedischen General Johann Bannier und Herzog Wilhelm von Weimar übergeben hat. Kein Schwert wurde erhoben, kein Pfeil abgeschossen; unsere Mauern, die uns jahrhundertelang Schutz boten, standen untätig da, während fremde Soldaten einzogen. Gegen Mittag marschierten die ersten Regimenter in die Stadt. Drei volle Regimenter – ein endloser Zug von Pikenieren, Musketieren und Reitern, die Waffen glänzend in der fahlen Wintersonne. Ihre Trommeln wirbelten, und der Klang hallte zwischen den Fachwerkhäusern der Marktstraße wider. Die Bürger schauten von den Schwellen ihrer Häuser, manche mit gesenktem Haupt, andere flüsternd vor Angst. Die Tore standen weit offen. Am Breiten Tor sah ich, wie die schwedischen Reiter mit erhobenen Fahnen einritten, die Farben ihres Heeres flatternd im kalten Wind. Dahi...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 24. Dezember 1631 – Christnachtgottesdienst

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Es war bitterkalt an jenem Abend. Der Schnee hatte sich wie ein grauer Schleier auf die Dächer gelegt, und der Himmel über dem Markt hing schwer und tief, voller Stille und Erwartung. Die Glocken der Marktkirche läuteten träge, als fröstelten sie selbst vor dem, was sie verkünden mussten. Ich ging, wie jedes Jahr, ohne viele Worte, mit Anna an meiner Seite. Wir sprachen nicht auf dem Weg. Unser Atem war in der Frostluft sichtbar; unsere Schritte dumpf auf dem gefrorenen Stein. Drinnen in der Kirche war es voll. Die Menschen drängten sich auf den Bänken, blickten scheu umher, sangen mit gedämpften Stimmen. Ich fand einen Platz ganz hinten — wo ich immer sitze — neben einer alten Frau mit zitternden Händen und einem Bettler, der noch nach Schwefel roch. Er hatte seine Mütze abgenommen und sah den Prediger an, als ob dieser ihm persönlich Vergebung brächte. Die Frau murmelte unverständliche Gebete. Der Prediger sprach von Frieden. Von Licht, das die Finsternis nicht vertreiben konnte, v...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 3. August 1631 – Die erste Folterung

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 Der Himmel über Goslar hängt schwer von Staub und Hitze. Selbst im Schatten des Rosenbergs fühlt sich der Nachmittag an wie ein Atemzug, der nicht ausweicht. Alles klebt. Die Kleider an meinem Rücken. Die Stille an meinen Ohren. Mein Gewissen an meinen Händen. Heute war es so weit. Meine erste Folterung. Nicht die erste, die ich gesehen habe — mein Vater ließ mich früher manchmal aus dem Schatten der Säule in der Ulrichskapelle zusehen —, doch die erste unter meiner Hand, meinem Befehl, meiner Verantwortung. Maria Hildebrand. Frau mittleren Alters. Witwe. Mutter zweier Töchter. Sie wohnt am Goseufer, oberhalb der Gerber. Die Nachbarschaft flüstert seit Jahren über sie. Zu viel Kräutertee, zu viele Katzen, zu wenige Männerbesuche. Eine Frau mit Geheimnissen, so sagen sie. Die Klage wurde von der Frau eines Weinhändlers eingereicht. Das Kind war erkrankt nach einem Streit mit Maria. Der Rat, hungrig nach Ordnung, griff die Beschuldigung mit gierigen Fingern auf. Sie wollen Ruhe ...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 24. Juni 1631 – Johannistag

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 Die Sonne stand hoch und weigerte sich unterzugehen. Es war Johannistag, der längste Tag des Jahres, und die Luft flimmerte noch vor Hitze, als der Abend hereinbrach. Der Duft blühender Linden hing zwischen den Häusern des Rosentorviertels, vermischt mit Rauch und gebratenem Fleisch. Um den Rosenberg sammelten sich Kinder mit Fackeln, Jünglinge mit Eichenlaubkränzen und Mädchen mit Blumen im Haar. Sie lachten laut und sangen die alten Lieder, die ihre Mütter sie gelehrt hatten. Manche sprangen über kleine Feuer, die in irdenen Schalen oder auf freien Plätzen zwischen den Büschen entzündet worden waren. Die Flammen flackerten wie goldene Bänder in der Dämmerung. Ich stand hinter unserem Haus, halb im Schatten der Scheune, das Gesicht vor dem Licht verborgen. Meine Hände ruhten auf dem Gatter des Gemüsegartens, das Anna an jenem Morgen noch mit neuen Ruten geflickt hatte. Der Geruch von brennendem Holz erinnerte mich an andere Feuer – jene auf dem Hochgericht, nicht am Rosenberg. ...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 5. Januar 1631 – Mein Sohn ist geboren

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 Heute, im Morgengrauen, ist mein Sohn zur Welt gekommen. Anna hatte mich in der Nacht geweckt, ihr Atem schwer, ihre Hände kalt vor Anstrengung. Die Hebamme, Frau Linneke, war rechtzeitig gekommen, und ich hatte das Feuer höher geschürt, Tücher bereitgelegt, Wasser geholt. Doch ansonsten stand ich dort – machtlos und schweigend – in der Ecke des Zimmers, so wie ich so oft bei meiner Arbeit schweigen muss. Aber dieses Schweigen war anders. Mein Herz schlug unregelmäßig, schneller, als ich es je beim Anblick des Schwertes oder des Rades gespürt hatte. Und dann kam er. Kurz nach der sechsten Stunde. Ein Schrei, scharf wie ein Trompetenstoß im Morgengrauen, und da war er: mein Sohn. Mein Sohn! Ein warmer, rosiger Junge, laut und lebendig, mit roten Wangen und einem festen Griff um meinen Finger. Er ist gesund. Er lebt. Und Anna lebt auch, Gott sei gepriesen. Sie lächelte, erschöpft, aber strahlend, und nannte ihn „unseren kleinen Helden“. Ich küsste ihre Hand und konnte nichts sage...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Hannover, 28. Dezember 1630 – Hochzeit mit Anna

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 Heute habe ich sie zu der Meinen genommen — Anna Klages, Tochter eines Lohgerbers aus Hannover, Schwester von Ilke, der Frau eines Scharfrichters wie ich. Wir haben in Hannover in der Marienkirche geheiratet, einer schlichten Kirche, mit alten Fenstern und einem Gewölbe, das wie eine Grotte klingt, wenn man leise spricht. Ich trug mein bestes Wams, dunkelgrau mit Lederknöpfen, das Schwert trug ich nicht, und doch fühlte ich es in meinem Rücken, als hinge es an meinem Schatten. Anna trug einen Schleier aus dunkelgrünem Leinen — schlicht, ohne Spitze oder Seide — und doch stand er ihr besser als jedes Juwel. Ihre Hände zitterten, als ich sie ergriff, nicht aus Angst, glaube ich, sondern aus Ernst. Sie weiß, wer ich bin. Was ich tue. Was sie ertragen muss. In ihrem Blick lag kein Entzücken, aber doch Erkenntnis. Und das ist vielleicht noch wertvoller. Der Pfarrer, ein finsterer Mann mit hoher Stimme, sprach die Worte des Bundes ohne Umschweife. Kein großer Gesang, kein weiter Se...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, den 21. Juli 1630 – mein erster Tag als Scharfrichter

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 Mein erster Tag als Scharfrichter von Goslar. Ich bin nun zwanzig Jahre alt und werde als Meister Kruse genannt. Ich erwachte, noch ehe die Sonne über den Rosenberg stieg. Das Haus, das Großmutter nach Vaters Tod auch für mich beansprucht hatte, liegt still am Fuße des Hügels, dicht außerhalb der Stadtmauer. Die Steinböden halten die Kühle der Nacht fest. Draußen höre ich Hähne krähen und das Knarren von Wagenrädern über das Pflaster, das zur Breiten Straße führt. In der Ecke hängt das Schwert. Nun mein Schwert, sagen sie. Doch es fühlt sich noch wie das seine an. Der Griff ist glatt von drei Generationen Händen – meines Großvaters Caspar I., meines Vaters Caspar II. – und davor noch Händen, die ich nie gekannt habe. Heute Morgen nahm ich es vorsichtig von der Wand. Nicht aus Stolz, sondern aus Pflicht. Meine Finger tasteten die Gravuren auf der Klinge ab, als könnte ich so begreifen, was es bedeutet, solch eine Waffe zu tragen. Es ist schwer. Nicht nur aus Eisen, sondern auch a...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 10. Mai 1630 – Rückblick in der Abendstunde

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 Die Sonne stand heute Abend tief, wie ein rotglühendes Siegel am Rand des Rosenbergs, und ich saß vor dem Haus im Schatten des alten Birnbaums, die Hände gefaltet über den Knien. Mein Haus steht unten am Rosenberg, direkt außerhalb des Stadttors und schräg gegenüber dem Wehrturm, dem Zwinger. Meine Finger sind schon rau geworden von der Arbeit. Ich wuchs mit den Kindern aus der Rosentorstraße auf. Wir spielten im Schlamm der Gose, fingen Frösche am Teich der Kahnteich, und fertigten Holzschwerter, um den Kampf gegen die „Schweden“ nachzustellen. Damals wusste ich noch nicht, was wirklicher Krieg war, oder wirklicher Tod. Dort lernte ich die Freundschaft kennen — mit den Brüdern Thielemann, mit dem kleinen Ernst Spangenberg, der nie aufhörte zu reden, mit Trineken, die später verschwand, ohne Abschied zu nehmen. Unsere Väter sprachen kaum miteinander, doch wir kannten keine Mauern. Manchmal kam Familie aus Hannover zu Besuch, besonders mein Onkel Heinrich, ein Schuhmacher mit sch...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 15. April 1630 – Das Haus wurde still, und dann fremd

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Der Schnee war kaum vom Hof geschmolzen, die Erde begann unter meinen Füßen zu atmen, und ich hatte noch nicht gelernt, wie still ein Haus werden konnte, wenn der Hausherr stirbt. Mein Vater war erst wenige Wochen tot, sein Geruch noch im Kragen seines Rockes, sein Messer noch scharf, seine Stimme noch lebendig in meinen Träumen — da kündigte Mutter an, dass sie wieder heiraten würde. Ich erinnere mich an den Moment wie an einen Schnitt, der nicht sofort schmerzt. Wir saßen am Tisch, Knecht Hans war fort, das Feuer glimmte, und ich starrte auf das Messer, mit dem Vater immer das Brot geschnitten hatte. Sie saß mir gegenüber, die Hände gefaltet, die Augen fest auf mein Gesicht gerichtet. „Er heißt Hans Mosel“, sagte sie. „Er kommt aus Quedlinburg. Dein Vater kannte ihn gut. Sie waren Kollegen, sogar Freunde.“ Ich schwieg. „Er ist bereit, das Amt zu übernehmen. Der Rat ist einverstanden“, fuhr sie fort, als ginge es um den Austausch eines Pferdes oder die Erneuerung eines Daches. „Du ...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 19. Februar 1630 – Der Sturz des Meisters

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  Ich weiß nicht genau, wann ich lernte, was ich jetzt weiß. Es schlich sich in meine Hände, wie das Eisen die Kälte aufnimmt: langsam, ohne Gnade. Und immer war er da – mein Vater. Caspar der Zweite. Schweigsam wie ein Schatten. Ein Mann von Gewicht, ohne dass seine Stimme je laut wurde. Er trug sein Handwerk wie ein Schmied seinen Hammer: als Verlängerung seines Wesens. Als ich noch ein Junge war, nahm er mich manchmal mit hinaus auf die Felder hinter dem Breiten Tor. Nicht zum Galgen, sondern an den Ort dahinter, wo Tiere begraben wurden und wo die Luft stets schwer von ranzigem Fett hing. Er sagte dann nichts. Er zeigte. Und ich sah. Sah, wie er ein Seil mit dem Rücken des Messers anschnitt. Sah, wie er die Schärfe an seinem Daumen prüfte. Sah, wie er das Schweigen nicht brach, selbst wenn die Krähen schrien. „Du darfst die Arbeit nicht mit Worten füllen“, sagte er einmal. „Sonst klingt es, als würdest du zweifeln.“ Meine Mutter Magdalena war anders. Sie erfüllte jede Ecke d...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter: Goslar, 15. Juni 1629 – Der erste Kopf

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Es regnete nicht. Das wunderte mich. Ich hatte mit Schlamm gerechnet, mit glitschigen Steinen, mit einem Schwert, das vom Griff rutschen würde vor Nässe. Doch der Morgen war klar. Blass im Licht, beinahe still. Die Luft trug den Geruch von Kamille, von Mist, von den gewöhnlichen Dingen, die nichts wussten von dem, was geschehen sollte. Mein Vater hatte an diesem Morgen nicht viel gesagt. Er hatte meine Kleidung überprüft: das Leinenhemd, den Ledergürtel, das Schwarz des Rockes. Er hatte das Schwert bereitgelegt, aber noch nicht übergeben. „Du trägst es erst, wenn du es dir verdient hast“, sagte er. Ich nickte. Das verstand ich. Hans, der Knecht meines Vaters, stand bereits am Hochgericht, seine Hände schwarz von dem Fett, mit dem er das Beil behandelt hatte. Er war nervös – oder tat so. Seine Stimme klang laut, als er sagte, das Holz sei fest, es verrutsche nicht. Das Messer steckte wie immer unter seinem Gürtel, für den Fall, dass… ja, für welchen Fall eigentlich? Versagen? Flucht? ...

Das Tagebuch des Caspar Kruse III, Scharfrichter von Goslar - Einleitung

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Manchmal wird man von einem Namen in einem alten Dokument getroffen, von einer Schnörkel in einer Handschrift, von einem Datum mit einem Hauch von Blut. Für mich war das bei Caspar Kruse der Fall. Sein Name erscheint in Chroniken, Prozessakten und Kirchenbüchern des siebzehnten Jahrhunderts in Goslar – immer wieder verbunden mit Hinrichtungen, Folterungen und dunklen Aufgaben. Was als genealogische Suche nach meinen Vorfahren begann, wurde zu einer literarischen Reise in eine Zeit, in der Rechtsprechung rau war und das Böse manchmal eine amtliche Uniform trug. Caspar Kruse III ist mein Vorfahre. Eine direkte Linie führt von ihm – Scharfrichter in Goslar von etwa 1630 bis 1682, im Niederländischen „Scherprechter“ genannt – über seinen Sohn Hans Christoph zu den Generationen von Kruses, die später in die Niederlande zogen, schließlich bis zu meinen eigenen Eltern. Ich bin, von ihm gerechnet, die elfte Generation. Sein Leben ist nicht bloß Familiengeschichte: Es ist ein Fenster in eine We...